Hilfe für Blinde: Auf vielen unserer Seiten können Sie durch den Sprung zum ersten Anker die gesamte Navigation überspringen und so direkt zum Inhalt gelangen.
Logo - Zur Homepage der Hilpoltsteiner Zeitung Haruki Murakami: Nächtliches Doppelleben nordbayern.de - Informationen und Nachrichten
Fr  
10 | 23
Sa  
13 | 28
So  
15 | 30
E-Paper die elektronische ZeitungRund ums Zeitungs-AboAnzeigen lesenAnzeigen aufgebenZur Anzeigen-Preisliste
30.12.2009
SUCHEN  HILFE  ?
AUS IHRER ZEITUNG
AKTUELL
SPORT
ANZEIGEN
FREIZEIT
SERVICE
SPECIAL
DER VERLAG
KULTUR + FREIZEIT ÜBERSICHT  ZURÜCK

Haruki Murakami: Nächtliches Doppelleben

Erzählung «Schlaf« als edle Einzelausgabe
 Haruki Murakami: Nächtliches Doppelleben
NÜRNBERG - Haruki Murakami ist eine Art Alfred Kubin des Globalisierungszeitalters. Denn auch die Geschichten des japanischen Bestsellerautors führen uns immer auf «die andere Seite«. Jetzt ist seine Erzählung «Schlaf« als edle, kongenial illustrierte Einzelausgabe erschienen.

Die Grenze zwischen dem realistisch geschilderten Großstädter-Alltag des 21. Jahrhunderts und der Sphäre des Irrealen verfließen bei Haruki Murakami allerdings so beiläufig, dass eben dadurch jene Atmosphäre vager, «nüchterner« Unheimlichkeit entsteht, die den Reiz seiner Texte ausmacht. In seinen völlig unpolitisch gemeinten Gegenwartsmärchen findet jene gespenstische Erfahrung diffuser Fremdbestimmtheit Ausdruck, die uns modernen, entfremdeten Möchtegern-Individualisten so geläufig ist.

Somnambuler "Aufziehvogel"

Nicht umsonst hieß einer seiner frühen Romane «Mister Aufziehvogel«, und nicht umsonst haben die Figuren bei Murakami immer etwas untergründig Automatenhaftes oder entfernte Ähnlichkeit mit Playmobilmännchen, glatt, grinsend, austauschbar und darum so attraktiv wie beklemmend.

Ein somnambuler «Aufziehvogel« ist auch die Heldin in der Erzählung «Schlaf«, eine junge Zahnarztgattin, deren Leben mit Anfang dreißig schon in der konturlosen Langeweile des bürgerlichen Ehefrauendaseins erstarrt. Bis sie eines Tages aufhört, zu schlafen, aber dadurch nicht etwa krank wird, sondern im Gegenteil einen unerwarteten Energieschub bekommt.

Denn unbemerkt von ihrer schlafenden Familie beginnt sie nachts ein zweites Leben, allerdings ein weit weniger abgründiges, als man es nach dem Jekyll-und-Hyde-Schema erwarten könnte, das hier durchschimmert: Die Nichtschläferin fährt mit dem Auto herum oder gibt sich dem Cognac hin und belebt mit Tolstoi-Lektüre ihre einstige Literatur-Leidenschaft neu. Aber gerade weil das Doppelleben unspektakulär aussieht, wirkt seine Unheimlichkeit umso subtiler: Indem die Grenze von Schlaf und Wachen wegfällt, kippt die Realität plötzlich ins Surreale, so dass das dauernde Wachsein fast als Traum- oder sogar Todeszustand erscheint und die Heldin sich ihrer Existenz unsicher zu werden beginnt.

Illustrationen von Kat Menschik

Wie die Spaltung der bürgerlichen «Persönlichkeit« in die offizielle Rolle und das eigentliche Ich letztlich zur Auflösung der Person führt, das macht der Autor auf sanft eindringliche Weise sichtbar. Und auch wenn Murakami-Fans die Geschichte schon aus dem Erzählband «Der Elefant verschwindet« von 1996 kennen, ist die neue Einzelausgabe ein Glücksfall: Das auf hochwertigem Papier in edlem Duotone gedruckte Bändchen ist nämlich mit Illustrationen der bekannten Berliner Künstlerin Kat Menschik ausgestattet, die die spezifische Murakami-Stimmung noch steigern.

Mit ihrer Manga-Ästhetik einerseits zeigen diese Bilder die Eindimensionalität einer durchfunktionalisierten Welt, gleichzeitig evozieren ihre spannungsvoll verschränkten Kompositionen die Dissonanz der zersplitterten Identität. So entsteht eine hinreißende, in geheimnisvoll schillernden Nachtblau- und Silbertönen gehaltene Geisterbahn des Seelenlebens, ein Panoptikum der sanften Alpträume, und wenn bei der Lektüre gelegentlich die Schrift auf dem glänzenden Papier verschwimmt, kann man schon mal das Gefühl haben, dass sich die Grenzen der vertrauten Realität auflösen.

Haruki Murakami: «Schlaf«. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. DuMont Verlag, 80 Seiten, 14,95 Euro.

Alexander Altmann
30.12.2009
Mehr vom aktuellen Tagesgeschehen lesen Sie in Ihrer Zeitung. Jetzt abonnieren Link auf ein externes Angebot
 
  © NÜRNBERGER NACHRICHTEN Diesen Artikel weiterempfehlen E-Mail zu diesem Artikel an die Redaktion schreiben Zur Druckversion dieses Artikels
 Artikel empfehlenE-Mail an die
Redaktion
Zur
Druckversion
ANZEIGE
  
 35. BARDENTREFFEN
Bardentreffen Nürnberg
30. Juli - 1. August
Alle Infos hier
  
Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten
  
ANZEIGE
  
 Bild des Tages
Das Bild des TagesFür eine größere Ansicht: Klick aufs Bild!
  
 Bildstrecken
Franken im Bild Eindrücke aus den
Städten der Region
Zu den Bildstrecken
  
ANZEIGE
  
Alles was wichtig ist rund um die Szene in Nürnberg und noch viel mehr gibt es jetzt im nigelnagelneuen
Szene Extra!
Einfach mal reinklicken
  
 Aktuelle Videos
video.nordbayern.de
  
 RATGEBER
  
NN-Filmkritik
Alle Filmkritiken aus den Nürnberger Nachrichten finden Sie hier.
  
 Meine kleine Welt
Meine kleine Welt Die Kolumnen von Ewald Arenz finden Sie hier.
  
 NN-Gezwitscher