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FORCHHEIM - So genannte «Dating-Shows» liegen voll im Trend. Mal ist es ein einsamer Landwirt, der mit 40 immer noch Jungfrau ist und nun doch endlich die Frau fürs Leben kennen lernen will. Mal ist es gar nicht der Mann selber, der «sie» sucht, sondern der Mutti bereitet es Kopfschmerzen, dass sie immer noch keine Schwiegertochter hat, obwohl ihr Sohn schon kahl ist und erste Falten bekommt. Also muss sie ihren unselbstständigen, meist verklemmt nuschelnden Sprössling mit einem Single- Weibchen verkuppeln. Museumspädagoge Dr. Jost Lohmann von der Gruppe Agil geht solch flache Unterhaltung auf die Nerven. Er will anspruchsvollen Menschen die Möglichkeit bieten, sich in einer anspruchsvollen Atmosphäre kennen zu lernen, sich über kulturelle Themen auszutauschen und gemeinsame Vorlieben zu entdecken. Führung durch 20000 Jahre
«Das Museum als Ort der Begegnung» – unter diesem Motto trafen sich etwa 25 Frauen und Männer in der Kaiserpfalz, wo Jost Lohmann und Archäologin Andrea Bischof sie durch 20000 Jahre Menschheitsgeschichte in Franken führten. Von der Steinzeit, als der Mensch langsam sesshaft wurde, über die Bronzezeit, als erste Eisenwerkzeuge entstanden, bis in die Neuzeit. «Der Neandertaler war kein Höhlenmensch», erklärt Andrea Bischof. «Da muss ich ihn in Schutz nehmen.»
Zu diesem Zeitpunkt sind die Besucher des «Culture Dating» noch relativ aufmerksam. Beim Betrachten der ersten eisernen Waffen, die unsere Vorfahren in der Bronzezeit bauten, kommt es zu ersten Gesprächen und Gelächter. Immer weniger zugehört
Für die Museumsführerin, die nun über die Verbrennung von Toten referiert, ein Brauch, dessen Ursprünge in der Spätbronze liegen («Da steckt ein ganz neues Weltbild dahinter»), dürfte es eine ungewohnte Situation gewesen sein. Denn je weniger ihr die Besucher zuhören, desto erfolgreicher ist die Veranstaltung. Sie sollen ja untereinander ins Gespräch kommen.
Und spätestens als Jost Lohmann typische Aphrodisiaka der Römerzeit reicht, ist es um die Beherrschtheit des überwiegend reiferen Publikums geschehen. «Hmmmm, schmeckt gut», ist das einhellige Urteil zu dem fruchtigen Sirup mit Honig-Note, in den die Kulturbegeisterten ihre Oblaten eintauchen. «Das müssen wir uns merken.» Auch die Verkostung des Granatapfels, der den Menschen im mediterranen Raum Kraft und Schönheit verleiht, verfehlt ihre Wirkung in der Pfalz nicht.
Wer glaubt, dass das Bohren eines Loches in ein Holzbrett ungeeignet sei, um Menschen einander anzunähern, sieht sich dann eines Besseren belehrt: Jost Lohmann zeigt den Teilnehmern, wie die Menschen früher Würfel bastelten, dann sollen sie es in Paaren selbst versuchen. Doch egal ob dabei ein perfekter Würfel mit der richtigen Augenzahl entsteht oder nicht: Auch ein gemeinsamer Misserfolg kann verbinden.
Feuermachen wie im Neandertal als Höhepunkt
Und am Ende springt der Funke über: Mit Leidenschaft schlagen die Besucher Feuerstein und Eisen aneinander, um eine Flamme zu entzünden. Jeder Funke löst Jubelstimmung aus, auch feuern die Partnersuchenden sich gegenseitig an: «Schlagen, nicht reiben! So wird das nichts mit den Bratwürsten!» Als der Zunder schließlich zu brennen beginnt, ist die Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Dass es sich nur um ein Strohfeuer handelt, stört keinen.
Natürlich findet bei einer ungewöhnlichen Museumsführung nicht gleich jeder den Partner fürs Leben: «Man kann nichts erzwingen», meint ein 69-jähriger Besucher am Ende. «Aber es war sehr informativ.» Doch zumindest zwei Menschen sind sich definitiv näher gekommen: «Er ist doch ein Bild von einem Mann», sagt sie stolz. Er: «Wir gehen jetzt erstmal was trinken.» In trauter Zweisamkeit. Die restlichen Kulturfreunde stürzen sich ebenfalls ins Nachtleben. Ohne neuen Partner, aber dafür in geselliger Runde, angeregt durch einen interessanten Abend.
Philipp Demling |